Urgroßvater [Hörspiel | Autorenproduktion | 2012]

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Text, Stimme, Cello, Kinderklavier, Stimmgerät, Field Recordings, Kammerton, Rauschen, Feedback,
Studio-Aufnahmen, Schnitt, Produktion: Johannes Tröndle

 

CD [55:02] edition audiobeans 2012 [EUR 7,50]  > order via e-mail!

Erstsendung: Ö1 Hörspiel-Studio, 11.02.14

"Ein Bub sitzt am Steg eines Stausees und erinnert sich. Er erinnert sich an seinen Großvater und an seinen Urgroßvater, unter dessen Leitung der Stausee von Zwangsarbeitern errichtet worden ist. Allerdings interessiert das die Anrainer nicht. Das Leben nimmt seinen Lauf, die Geschichte geht ihren Gang, Samstag mittags brüllen die Sirenen, über Ostern wird der Stausee ausgelassen, der Bub ist viel allein.
Johannes Tröndle hat in Personalunion als Autor, Musiker und als Erzähler ein vielschichtiges Hörspiel produziert. Obwohl wir nur eine einzige Stimme hören, nennt er sein Stück - zu Recht - ein "Klangfarbenspiel". Ein auf das Wesentliche reduziertes Spiel mit der Langsamkeit, ein Plädoyer für lange Pausen, ein Stück Kunst, das zeigt, dass die Wirklichkeit bloß eine Frage der Perspektiven ist."

(Peter Klein auf Ö1)

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Urgroßvater ist ein Stück, das einem einmal als Text, dann wieder als Gesang begegnet, – dies bewirkt die Stimmführung des Autors, der den Text gezielt mit Retardierungen, Tönungen und Akzenten liest; überdies kommen sparsam und wirkungsvoll Geräusche und Klänge zum Einsatz, die mit dem Inhalt des Hörspiels interagieren, diesen aber nie überlagern.
Das Echo totalitärer Strukturen und des Machtmissbrauchs findet sich in der familiären Struktur, in Settings und Sequenzen des Alltags; Deutschtümelei färbt die Landschaft, die Tiere, die Gesten der Menschen mit Gewalt und schwappt schließlich – modifiziert und dennoch analog – als massenmedialer Einschnitt auf ganze Terrains über. Dazwischen findet sich der Bub, der das Dräuen, das Lauernde einer reaktionären und brachialen Gefahr nicht wirklich verarbeiten kann und diesem seelisch ausgesetzt ist.

(Petra Ganglbauer auf gangway.net)

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(...) enorm evokative Sprach- und Klangfügungen, spannende und insistierend vexierende Sounds, sehr fein eingearbeitete field recs sowie einen diskreten, indes sehr wirkungssicheren Umgang mit den Musikinstrumenten sowie musikalischen Modalitäten – Kurz: ein nuancierter Text mit schlüssigen Motiven, einer passionierten Spannungskurve und trefflichen poetologischen Elementen (“heute wird alles schneller geschnitten”).

(Christiane Zintzen auf inadaequat)

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Das Hörspiel Urgroßvater basiert auf einem Stück Prosa. Prosa mit Betonung auf progressiv. Also nix Köhlmeier, nix Kehlmann, Metaware statt Meterware. Ja, es wird erzählt. Aber es wird nicht so sehr etwas erzählt als viel mehr nichts und alles. Zwar etabliert Johannes Tröndle ein bestimmtes Setting an Schauplätzen, Handelnden und Motiven. Aber anstatt eine klassische Geschichte zu entfalten, verdichtet er Atmosphäre, watet und läuft durch den Wortfluss und schöpft daraus eine kleine große Welt. Der Protagonist bleibt ebenso namenlos wie die übrigen Charaktere: der „Bub“ ist umgeben von „Mutter“ und „Großmutter“, vom abwesenden „Vater“, von den Toten („Großvater“ und „Urgroßvater“) und weiteren Nebenfiguren. Dieses Unbenanntbleiben unterstreicht das Für-sich-Sein des Kindes. Ein Stausee ist Angelpunkt, Ort von Anfang und Ende. Er kann als griffiges Medium der Auseinandersetzung des Natur/Kultur-Komplexes betrachtet werden, die ebenfalls zwischen den Worten immer wieder verhandelt wird. Bis ein Schuss im Wald die kindliche Fantasie über die Ufer treten lässt und das Rauschen der Sprache alles mit sich reißt. Furioses Finale. Zwischen den Worten lässt Tröndle viel Raum. „Heute ... wird alles ... schneller geschnitten.“ Er spricht entschleunigt, dehnt die Silben, betont Konsonanten artifiziell, unterbricht Sätze, um sie nach Wirkungspausen wieder aufzunehmen. Tröndle blättert den Text auf, zerhackt und schichtet ihn. Aufgelockerte Erde. „Es ist ... ... ... Gras über die Sache gewachsen.“ Der markante Stimmeinsatz macht es sich und allen anderen nicht einfach. Sehr eindrücklich, sehr nahe, Atem, Schmatz, bis zur Bedrückung. Wiederkehrende Wendungen und rhythmisch akzentuierte Passagen erleichtern die phonozentristische Last. Unprätentiöse Alliterationen, kluge Lautmalereien, Tröndle webt eine Textur aus mächtigen Signifikanten, aber hämmert so lange auf die Worte ein, bis die Schrift vibiriert und sein Eigenrecht nie verloren hat. „Es ist ... normal ... ... Es ist ungewöhnlich ... normal.“ Field Recordings, Cello, Kinderklavier & Co kontrastieren, kommentieren, komplettieren die Vocals. Herkömmliche Hörspielstrategien werden dekonstruiert. Zum Beispiel wird manch Beschriebenes kurz danach auf Klangebene direkt dargestellt. Aber nie ohne Irritation, nie ohne Verschiebung. Die Vögel, von denen die Stimme berichtet, werden wirklich hörbar, aber sie wirken entrückt, irreal und öffnen damit das Hörspiel, anstatt es zu versiegeln. „Und greift zur Flöte. Und greift zur Flinte. Und greift zur Flöte. Und greift zur Flinte.“

(Stephan Roiss in freistil)

 Fotos: Johannes Tröndle