Urgroßvater

[Leseprobe]

 

Zu Ostern ist der Stausee leer.

Kein Wasser im Stausee zu Ostern.

*

Der Bub sitzt am Steg und spuckt hinunter.

Das Mittelmeer hat sich bis Österreich erstreckt. Vor tausend Jahren war hier alles Meer. Die Berge lassen ihre Muskeln spielen, stark wie der Urgroßvater, seinen Arm in die Höhe gestreckt. Die Sonne brennt vom Himmel. Das Meer verzischt. Das Meer zieht ab nach Süden. Geblieben ist ein kleiner See.

Es ist normal, sagt die Mutter, er wird ausgelassen über Ostern.

*

Der Bub steht auf. Der Steg knarrt.

Wo sind denn die Fische?

Zu den Füßen des Buben geht es bergab. Der Urgroßvater hat ein Loch in die Landschaft gerissen. Ein Stein löst sich, er flattert in die Tiefe. Die Fische sind Vögel, sie fliegen davon. Die Fische sind Ratten, sie stöbern auf dem Grund des Sees im Abfall nach Futter. Die Fische sind ratlos. Das Loch gähnt.

Er hat eben Phantasie, sagt die Mutter.

Damit kommt er nicht weit, sagt die Großmutter und spuckt Gräten in den Napf.

Die Hubschrauber drehen hartnäckig ihre Runden.

*

Der Bub geht über den Steg und blickt in die Umgebung. Er hat ein Taschenmesser in der Hand. Rings um den Stausee wächst der Wald. Der Kirschbaum steht in voller Blüte. Vögel zwitschern in den Bäumen. Über den Spitzen der Fichten steigt die Sonne auf. Der Himmel ist wolkenlos, so leer wie ein See. Am anderen Ufer erhebt sich die Staumauer. Golden leuchten die Fenster des Wirtshauses. Über dem Wirtshaus erhebt sich die Autobahn. Auf mächtigen Pfeilern aus Beton ragt der Verkehr in den Himmel. Die Autos werden vom Tunnel verschluckt.

*

Der Bub geht in die Hocke und spuckt hinunter. Der Steg ächzt. Er trifft einen Stein. Das Taschenmesser blitzt in der Faust des Buben. Man hört das Aufzischen der Spucke nicht.

*

Im Wald ducken sich die Ferienhäuser. Über der Baumgrenze gibt es Weiden und Wiesen. Die Bauern der Umgebung kommen auf die Felder. Scharf blitzen die Klingen der Sensen. Auf den Wiesen weidet das Vieh. Das Gras ist trocken, weil es schon lange nicht mehr geregnet hat. Die Fische sind Kühe, sie fressen das Gras auf den Wiesen und läuten mit ihren Glocken. Mit dunklen Augen blicken sie gleichzeitig nach den Wanderern.

*

Der Bub steht auf und spitzt die Ohren. Die Hubschrauber knattern. Der Fernseher läuft. Die Großmutter ist schon lange aufgestanden. Die Stimme der Großmutter ächzt wie die Bäume in den Wäldern, wie der Steg, wie das Stockbett, wie das alte Auto in der Kurve. Sie sitzt auf der Terrasse, liest, stopft oder legt Patiencen. Sie schwitzt in der Küche, kocht Kaffee, sie bereitet das Mittagessen zu. Sie spitzt die Ohren. Sie denkt an den Großvater.

Wo ist der Bub?, fragt die Großmutter.

Er sitzt am Steg, sagt die Mutter. Er liest.

*

Das Scheunentor wird geöffnet, heraus tritt der Großvater.

Hat er gestern wieder ferngesehen, fragt die Großmutter.

Ich kann es ihm nicht verbieten, sagt die Mutter.

Der Großvater schluckt. Der Bub schließt die Augen.

Er träumt wieder, sagt die Großmutter am Terrassentisch und verlangt nach Zucker.

Lass nur, sagt die Mutter, und öffnet ihren Instrumentenkoffer.

*

Der Großvater erscheint. Er setzt sich zum Fernseher. Im Fernsehen läuft die Sendung 'Universum'. Das Huhn legt ein Ei. Der Großvater steht auf und wäscht sich stumm die Hände. Man hört das Aufzischen der Spucke nicht. In den Händen des Großvaters krachen die Gelenke.

Das Scheunentor schließt nicht mehr richtig, sagt die Großmutter, es ist verzogen.

Ich kann mich nicht um alles kümmern, sagt die Mutter, und spannt den Bogen.

Panzerfaust, bettelt der Bub.

Der Bub streckt die Hand aus. Der Großvater drückt zu.

In den Händen des Großvaters krachen Kühe, Vögel, Ratten, große Vögel, der Dachs, der Weberknecht, der Schwarzspecht, die Erdkröte, das Eichhörnchen, das Krokodil, Schlangen, die Vogelspinne, ein Insekt, Ratten, Ratten, Ratten, Ratten, Gräten, Knochen, die Gelenke.

Stopp, lacht der Bub, es ist Krieg.

Der Großvater löst seine schweren Hände und schließt den bleichen Bub in die Arme.

Das ist schon lange her, sagt die Großmutter.

Es ist Gras über die Sache gewachsen.

[...]

 

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